Walters 1. Unterthema(UT)-Regel: Kontextfindung und Hierarchieprinzip

Im Folgenden wird Walters 1. UT-Regel beschrieben. Eine Übersicht über alle Regeln gibt der separate Beitrag „Walters Regeln zur inhaltlichen Erschließung“.

Unterthemen (UT) können im Prinzip nach zwei Kriterien ausgewählt werden:

  1. man kann einen Kontext zum Thema suchen
  2. ein Thema kann zerlegt werden.

Siehe auch Stauber „Facing the Text“, Kapitel „Subheading Function and Types“, insbesondere S.149 ff. Dort wird ein anderes, ebenfalls sehr brauchbares System beschrieben, nach dem Unterthemen eingeteilt und ausgewählt werden können.

Das Kontext-Zerlegungs-Verfahren scheint besonders gut auf stark strukturierte Texte zu passen, wie sie in Naturwissenschaft und Technik häufig vorliegen.

Kontextfindung/integrale Vorgehensweise

Bei der Bildung eines Unterthemas – wenn wir uns über die Indexbegriffe auf einer bestimmten Seite, auf der wir uns gerade befinden, Gedanken machen – gelangen wir oft zu dem Schluss, dass es gut sei, das Hauptthema durch die Angabe des Zusammenhangs, in dem es auf dieser Seite auftritt, näher zu beschreiben. Es soll dann also kein Unterbegriff gefunden werden, sondern der Kontext! Und dieser Kontext soll zu einem Untereintrag im Register werden.

Kennzeichen der Kontextfindung ist, dass wir nach oben schauen, wir haben sozusagen einen integrativen Blick und suchen im Grunde genommen den Oberbegriff zum aktuellen Begriff. Obwohl es hierarchisch gesehen der Oberbegriff ist, fügen wir ihn einfach nur bei, um die Bedeutung des aktuellen Begriffs näher zu bestimmen.

In dem Beispiel

Aminosäuren, essenzielle 554
Aminosäuren, in Mitochondrien 617
Aminosäuren, als Neurotransmitter 207
Aminosäuren, organische Basen in 43
Aminosäuren, Peptidbindungen 50
Aminosäuren, Proteinabbau 561
Aminosäuren, Stoffwechsel 514-515
Aminosäuren, Strukturformeln 49

bildet „Aminosäuren“ das Hauptthema, und als Unterthemen gibt es sowohl Ober- als auch Unterbegriffe: Hierarchisch unterhalb von „Aminosäuren“ stehen „Strukturformeln“ und „essenzielle“. Oberbegriffe zu „Aminosäuren“ sind dagegen: „Peptidbindungen“ (Aminosäuren sind ein Teil dieser Bindungen), „als Neurotransmitter“ (es gibt auch andere Arten von Neurotransmittern), „Stoffwechsel“ (Aminosäuren haben keinen eigenen Stoffwechsel, sondern sind Teil des Stoffwechsels in Zellen) und „Proteinabbau“ (dabei fallen Aminosäuren an).

Kontextmerkmale

Wie kann ich bei einem vorliegenden Array erkennen, welches UT einen Kontext beschreibt? Antwort:

Wenn ich die Konjunktion „und“ (englisch „and“) davor oder dahinter setzen setzen kann, handelt es sich um einen Kontext.

So sind

Aminosäuren, Peptidbindungen und 50
Aminosäuren, Stoffwechsel und 514-515
Aminosäuren, Proteinabbbau und 561

durchaus sinnvolle Einträge; allerdings kann das „und“ weggelassen werden, weil die Einträge auch so nicht missverständlich sind.

Der Versuch, ein „und“ auch bei den anderen gezeigten Unterthemen einzusetzen, scheitert, denn es kommt nichts Sinnvolles dabei heraus:

Aminosäuren, Strukturformeln und 49
Aminosäuren, als Neurotransmitter und 207
Aminosäuren, essenzielle und 554

„Aminosäuren, Strukturformeln und“ hat zwar das Potenzial, einen sinnvollen Eintrag zu liefern, aber an der Fundstelle geht es nicht allgemein um Strukturformeln, zu denen Aminosäuren Beispiele liefern, sondern umgekehrt um Aminosäuren und deren zugehörigen Strukturformeln.  Allenfalls hätte man anstelle der Konjunktion „und“ die Präposition „von“ beifügen können: „Aminosäuren, Strukturformeln von“. Eine solche Beifügung drückt jedoch eine Eigenschaft, nicht einen Kontext (im hier gemeinten Sinn) aus. Ich wollte aber demonstrieren, wie Kontexte zu erkennen sind.

„Aminosäuren, als Neurotransmitter und“ ist ähnlich gelagert. Hier macht natürlich die bereits vorhandene Präposition „als“ deutlich, dass ein „und“ als Beifügung keinen Sinn ergibt. Wenn das „als“ nicht vorhanden wäre, könnte man „und“ ergänzen und erhielte einen auf den ersten Blick sinnvollen Eintrag; allerdings geht es an der Fundstelle nicht um Neurotransmitter an sich, zu denen wieder Aminosäuren nur Beispiele liefern, sondern umgekehrt um Aminosäuren in ihrer Eigenschaft als Neurotransmitter.

„Aminosäuren, essenzielle und“ ist ein sinnloser Eintrag, weil „essenzielle“ Adjektiv zum Substantiv „Aminosäuren“ ist. Ein „und“ hat hier nichts zu suchen.

Die Beispiele zeigen also in der Tat, dass Kontexte daran erkannt werden können, dass sich die Konjunktion „und“ beifügen lässt. Führt diese Beifügung zu keinem sinnvollen Eintrag, liegt kein Kontext vor, sondern eine andere Art von Beifügung. Darauf gehe ich im Beitrag „Walters 1. HT-UT-Regel: Eigenschaften und andere Beifügungen“ näher ein.

Der Fall „Aminosäuren, organische Basen in“ zeigt

ein weiteres mögliches Merkmal eines Kontextes: eine Präposition, in diesem Fall „in“, die hinter das Unterthema gesetzt wurde.

Wichtig bei Präpositionen: Ihre Stellung (vor oder hinter dem UT) entscheidet darüber, ob eine Eigenschaft oder ein Kontext vorliegt. Bei „Aminosäuren, organische Basen in“ wird ausgedrückt, dass es an der Fundstelle um organische Basen geht und hierbei um den Unterfall des Auftretens in Aminosäuren. Mit anderen Worten: Hier wird aus Sicht von „Aminosäuren“ ein Kontext beschrieben. Man hätte das „in“ durch die Konjunktion „und“ ersetzen können, ohne den Sinn wesentlich zu verändern.

Im Index gibt es sowohl noch das Double Posting „organische Basen, in Aminosäuren“ als auch andere Einträge zu „organische Basen“. Der Eintrag „organische Basen, in Aminosäuren“ im (hier nicht gezeigten) Array „organische Basen“ enthält die Präposition „in“ vor dem UT und macht deutlich, dass es sich jetzt (aus Sicht von „organische Basen“) um eine Eigenschaft handelt, nicht um einen Kontext. Genauso gelagert sind im oben gezeigten Beispiel die beiden Fälle

Aminosäuren, in Mitochondrien 617
Aminosäuren, als Neurotransmitter 207

Beide Male wird durch die vorgesetzten Präpositionen „in“ und „als“ deutlich gemacht, dass es um Eigenschaften, nicht um Kontexte geht. Nebenbei bemerkt hätte man in beiden Fällen die Präpositionen nicht hinter das UT setzen können, denn dann wären sinnlose Einträge entstanden:

Sowohl

Aminosäuren, Mitochondrien in 617

als auch

Aminosäuren, Neurotransmitter als 207

ergäben keinen Sinn.

Weiteres zu Konjunktionen und Präpositionen siehe den separaten Beitrag „Präpositionen und Konjunktionen bei der Bildung von Unterthemen„.

Rolle der Oberbegriffe bei der Kontextbildung

Da wir bei der Kontextbildung nach oben schauen, machen wir Oberbegriffe zu Unterthemen. Bei naturwissenschaftlich/technischen Texten wird üblicherweise in hierarchischen Gliederungen gedacht. Und dieses Prinzip ist durchaus auch auf andere, nicht wissenschaftliche Bereiche anwendbar, allerdings längst nicht so stringent und problemlos.

Naturwissenschaftlich/technische Lehrbücher zum Beispiel sind so gut wie immer systematisch aufgebaut, weswegen es hierarchische Abhängigkeiten gibt: Begriffe aus Kapitelüberschriften  stehen hierarchisch über denen aus Unterkapitelüberschriften usw. Es kann vorkommen, dass ein bestimmter Aspekt in mehreren Kapiteln (oder Abschnitten, Unterkapiteln) als spezielles Thema behandelt wird. Dann wird es im Index zu diesem Aspekt einen Haupteintrag mit mehreren Untereinträgen geben. Und die Unterthemen von einigen dieser Untereinträge werden Begriffe aus übergeordneten Überschriften sein – mit anderen Worten: hier sind Oberbegriffe zu Unterthemen geworden. Dadurch werden Kontexte deutlich gemacht.

Der obige Index-Ausschnitt stammt aus einem Lehrbuch zur Tierphysiologie, in dem es u. a. einen Abschnitt „Proteine“ gibt, in dem wiederum der Aufbau und die Bindungen von Aminosäuren behandelt werden (Fundstellen auf den Seiten 49 und 50); im Kapitel „Neuronale Struktur und Funktionen“ wird die Rolle der Aminosäuren als Neurotransmitter beschrieben (Fundstelle auf Seite 207); im Kapitel „Ionen und Wasserhaushalt“ geht es u. a. um die sog. Stickstoff-Extraktion und im weiteren Sinn um den Stoffwechsel (Fundstelle Seite 514-515); das Kapitel „Verdauung“ behandelt u. a. den Abbau von Eiweißen (Proteinabbau), bei dem Aminosäuren entstehen (Fundstelle Seite 561) usw.

Deutlich wird an diesem Beispiel auch, dass die Kontextfindung nicht trivial ist. Anstelle des Eintrags

Aminosäuren, Stoffwechsel 514-515

hätte man auch zu dem Schluss kommen können, einen Eintrag

Aminosäuren, Stickstoff-Extraktion 514-515

oder

Aminosäuren, Ionen- und Wasserhaushalt 514-515

zu bilden.

Die zweite und dritte Variante wären ebenfalls „richtig“ gewesen, aber sehr viel spezieller. Da es sich um ein Lehrbuch für Anfänger handelt, ist der Kontext „Stoffwechsel“ besser, weil verständlicher.

Die endgültige Entscheidung über eine (didaktisch) optimale Kontext- und damit Unterthemabildung kann oft erst getroffen werden kann, wenn sämtliche Einträge vorliegen und man das Gesamtregister bearbeitet.

Wichtig ist aber, sofort, also beim erstem „Kontakt“ mit dem Begriff (im konkreten Beispiel „Aminosäuren“ im Kontext „Ionen-und Wasserhaushalt“) ein Unterthema zu bilden! Denn nur, was vorhanden ist, kann später auf einfache Weise bearbeitet werden. Äufwändiger wäre es, im Nachhinein zum ersten Mal ein Unterthema zu finden (siehe auch Walters 2. UT-Regel).

Kontexte und Spezifität

Man könnte zu dem Schluss kommen, dass Kontexte nicht spezifisch genug seien und Kontexte als Unterthemen somit Cutter’s Rule widersprächen. Das ist jedoch falsch.

Spezifität bedeutet nicht, dass ein Begriff eingeengt wird, indem man nach Eigenschaften und Untereigenschaften (wie im nächsten Punkt „Zerlegung/Atomisierung: Hierarchieprinzip“ näher betrachtet) sucht. Vielmehr geht es bei der Bildung  eines Unterthemas immer und ausschließlich darum, ein Hauptthema näher zu beschreiben. Das kann dadurch geschehen, dass man einen Kontext angibt oder aber dass man hierarchisch denkt und eine Eigenschaft des Hauptthemas benennt. Beides ist möglich. Was jeweils sinnvoll ist, hängt vom Inhalt des Buches, aber auch von der vom Indexer angenommenen Leserschaft ab, denn ein Index wird für die Leser gemacht, nicht für den Autor oder den Indexer.

Zerlegung/Atomisierung: Hierarchieprinzip

Beim Registererstellen können wir nicht nur nach oben schauen, sondern auch nach unten; wenn man so will, können wir einen atomisierenden Blick auf den vor uns liegenden Text werfen. Wir können einen Begriff zerlegen, und zwar dieses Mal in Unterbegriffe.

Der klassische Fall, bei dem ein Oberbegriff in Unterbegriffe zerlegt werden kann, liegt vor, wenn ein Buch stark gegliedert ist: Dann kann es z. B. sehr sinnvoll und für den Leser hilfreich sein, wenn ein Begriff aus einer Kapitelüberschrift (das wäre der Oberbegriff) einen Haupteintrag im Register bildet und ihm einige Untereinträge zugeordnet sind, die sich ihrerseits aus den Abschnittsüberschriften (das wären die Unterbegriffe) dieses Kapitels speisen. Hier würde also das Prinzip der Local Main Topics voll zum Zuge kommen.

Aber auch, wenn wir nicht Überschriften betrachten, sondern den eigentlichen Text, so könnten/sollten wir versuchen, einen Begriff, der uns auf einer Seite zum ersten Mal begegnet und bei dem wir im Zuge der Indexerstellung feststellen, dass er auch auf anderen Seiten behandelt wird, in Unterbegriffe zu zerlegen.

Bei der Suche nach Unterthemen bietet es sich an, die Eigenschaften des jeweiligen Themas zu nehmen. Die Bildung von Unterthemen aus den Eigenschaften der Themen ist die einfachste Art, einen Begriff in Unterbegriffe zu zerlegen.

Beispiele:

nanorods, multielemental 45
nanorods, surface modifications 235
nanorods, synthesis 330

oder

core-shell nanomaterials, metal oxide 289
core-shell nanomaterials, metal oxide 305
core-shell nanomaterials, nonmagnetic 287
Es liegt auf der Hand, dass Adjektive (Eigenschaftswörter) eine (aber nicht die einzige) Möglichkeit sind, die Eigenschaft eines Themas anzugeben. Das heißt, lässt sich die Fundstelle durch eine Kombination aus Adjektiv und Substantiv beschreiben, kann man das Substantiv zum Hauptthema und das Adjektiv zum Unterthema machen.

Im obigen Registerausschnitt wäre das u.a. bei

nanorods, multielemental 45

oder

core-shell nanomaterials, nonmagnetic 287

der Fall.

Aber auch wenn man in Gedanken mit der Präposition „von“ bzw. englisch „of“ arbeiten kann, hat man einen typischen Fall einer Eigenschaft. Den Eintrag

nanorods, synthesis 330

hätten wir auch schreiben können:

nanorods, synthesis of 330

und die „Eigenschaft“ wäre noch deutlicher geworden. Die Präposition kann zwar uns Index-Erstellern helfen, sie muss aber dem Leser nicht unbedingt auch angeboten werden, denn an erster Stelle steht das Prinzip der Verständlichkeit, an zweiter das der Kompaktheit. Ist ein Eintrag in der kompaktesten Darstellung verständlich, d.h., sind Missverständnisse absolut ausgeschlossen, dann sollte diese verwendet werden.

Die nachfolgenden Einträge zeigen weitere Beispiele für Eigenschaften, die zur näheren Bestimmung des Hauptthemas aufgenommen wurden. Dabei wurden die Unterthemen nicht aus Adjektiven, sondern aus anderen, allgemeineren Eigenschaften gebildet:

nanomaterials, as biomaterial…1-9
nanomaterials, as surface material…201-205
nanomaterials, biofuel cell applications of…57-103
nanomaterials, in biosensors…87-89
nanomaterials, on surfaces…201-205
nanomaterials, quenching properties of…106-109

Nanomaterials kommen im Buch mit den „Eigenschaften“ „as biomaterial“ und „as surface material“,  „biofuel cell applications of“, „in biosensors“, „on surfaces“ und „quenching properties of“ vor.

Kennzeichen aller Eigenschaften (Adjektiven und allgemeineren Eigenschaften) ist, dass sie hierarchisch unterhalb des Hauptthemas stehen. Es handelt sich also immer um echte Unterbegriffe des Hauptthemas.

Das unterscheidet sie von anderen Beifügungen.

Mehr zu „Beifügungen“ kann im separaten Beitrag  „Walters 1. HT-UT-Regel: Eigenschaften und andere Beifügungen“ nachgelesen werden.

Schreibe einen Kommentar

*