Indexing in den Naturwissenschaften III: Unterschiede zu Geisteswissenschaften, Sachbüchern und Fiction

Die Naturwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, dass es immer um Fakten geht, wobei damit nicht nur „Anfassbares“ gemeint ist, sondern auch Prozesse und Methoden. Es gibt – zumindest im Bereich der experimentellen Naturwissenschaften – keine „Schulen“, die auf unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten gründen, denn die Gesetze sind von der Natur vorgegeben. Sie gelten ohne Einwirkung oder Interpretation des Menschen. Lediglich über die Zusammenhänge zwischen gefundenen Gesetzmäßigkeiten kann es unterschiedliche Meinungen geben, aber alle seriösen Wissenschaftler sind sich bewusst, dass diese Unterschiede schlagartig aufgehoben werden können, sobald neue experimentelle Befunde vorliegen. D. h. Naturwissenschaftler sind in einer sehr komfortablen Position: Sie haben nie den Druck, selbst über wahr oder falsch entscheiden zu müssen, sie warten einfach ab, bis ihnen die Natur die Entscheidung abnimmt. Das schlägt sich bis auf das Indexing nieder.

Inhalt verstehen

Indexer naturwissenschaftlicher Texte haben so gut wie keinen Spielraum für Interpretationen des Inhalts. Sie haben ausschließlich die Aufgabe, den Inhalt zu verstehen. Ohne dieses Verständnis des Inhalts bleibt praktisch nichts anderes übrig, als zu interpretieren, was aber automatisch zur Konsequenz hat, dass ein schlechtes Register herauskommt, mit dem weder Leser noch Autor zufrieden sind.

Kann ein naturwissenschaftlicher Indexer wirklich immer alles sofort verstehen? Nein, natürlich nicht. Aber was immer möglich ist: Man kann sich „schlau machen“. Es gibt u. a. die Wikipedia, in der man ausgezeichnete, oft von den Wissenschaftlern selber verfasste Artikel findet. Und es gibt die Lehrbücher aus dem Studium, die jeder naturwissenschaftliche Indexer in seinem Regal hat. Das Entscheidende ist, dass man als Indexer nicht zu faul ist, immer wieder die Dinge nachzuschlagen, die man nicht (mehr) weiß. Ich möchte behaupten, dass jeder, der ein Studium der Physik, Chemie oder Biologie absolviert hat, in der Lage ist, sich in jedes Thema seines Fachs so hinzudenken, dass er die indexrelevanten Begriffe und ihre Zusammenhänge, um die es in dem jeweiligen Spezialwerk geht, zumindest für die Dauer des Indexing-Projekts lernt und versteht. Aber dieser Lernprozess ist fast bei jedem neuen Projekt nötig.

Fachbegriffe, Stichworte, Schlagworte

Die Tatsache, dass es in den Naturwissenschaften um Fakten geht, führt dazu, das man es bei der Indexerstellung zu einem naturwissenschaftlichen Werk sehr viel mehr mit Stichworten zu tun hat als mit Schlagworten.

Naturwissenschaftliche Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – immer sehr gut strukturiert sind. Im Unterschied zu Geisteswissenschaften oder zu populärwissenschaftlichen Texten oder Sachbüchern drückt sich das u.a. darin aus, dass das, was der Autor in einem Kapitel oder Abschnitt aussagen möchte, fast immer genauso geschrieben in der zugehörigen Überschrift steckt. D.h. die Überschriften spielen beim Indexing von naturwissenschaftlichen Texten eine herausragende Rolle. Konsequenz: das Finden von Local Main Topics ist bei naturwissenschaftlichen Texten wesentlich einfacher als z.B. in einem historischen Sachbuch, aber auch einfacher als bei Schulbüchern.

In den Naturwissenschaften geht es neben Fakten meistens auch um klare Definitionen. Und für alles gibt es anerkannte Fachbegriffe, zu denen es lediglich die Synonyme zusätzlich zu finden gilt.

Zusammengefasst sind daher naturwissenschaftliche Indexe nach meiner Erfahrung im Vergleich zu Sachbuchindexen wesentlich einfacher zu erstellen – vorausgesetzt, man versteht den Inhalt des Textes.

Display Material

Im Einzelnen existieren noch ganz praktische Unterschiede zu Geisteswissenschaften oder Sachbüchern:

Anscheinend ist es außerhalb von Naturwissenschaft und Technik eine Frage, ob das sog. „Display Material“ (vgl. Mulvany S. 56), also Abbildungen (Fotos, Grafiken) und Tabellen indexiert werden sollen. Diese Frage existiert bei naturwissenschaftlich-technischen-Texten nicht bzw. sie kann eindeutig immer mit „ja“ beantwortet werden. Denn gerade die Grafiken und Tabellen, aber evtl. sogar die Fotos (und die zugehörigen Bildunterschriften) geben die konkreten Ergebnisse der Arbeit eines Autors wieder. Manchmal ist der Text sogar nur das „schmückende“, allerdings immer nötige Beiwerk.

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